15. März 2018 – Persönlichkeit »Der Blog aus dem Ring« Zeit für eine eigene Haltung

 

Im legendären Eistonnen-Interview im Jahr 2014 stellte Per Mertesacker nach dem Algerien-Spiel im Viertelfinale der Fußball-WM Herrn Boris Büchler vom ZDF seinen Ärger über dessen Fragen zur Verfügung. An diese zweiminütige Sequenz denke ich auch heute noch häufig, wenn es darum geht, unter Druck und bei überzogenen Erwartungen klar Position zu beziehen. 

Drehen und Winden – Kernkompetenzen der Kontorsionisten

Sich auf sein Gegenüber und die jeweilige Situation einzustellen ist ein menschlicher Akt, doch sollten wir es mit dem Anpassen nicht übertreiben. Wer sich bis zur Selbstaufgabe für andere Menschen verbog, fand früher als Schlangenmensch seinen Platz und damit Auskommen im Zirkus. Heute können wir diese Flexibilitäts-Artistik leider live an anderen Orten erleben. In Unternehmen, auf Kongressen, beim Smalltalk und eben auch bei Interviews – Alles kann verstanden oder ein Stück weit mitgegangen oder nickend zur Kenntnis genommen werden.

Menschen, die Impulse perfekt am Neopren abtropfen lassen

Auf der anderen Seite gibt es die Fraktion der Menschen, die ich als ‚Gerüstbauer‘ bezeichne. Die haben schon vor dem Gespräch ihre Haltung zum Thema und der Welt fest verschraubt. Da ruckelt nichts und jeder externe Beitrag bzw. Impuls tropft an diesen Protagonisten ab, wie Wasser an einem Neoprenanzug!

Was die beiden Haltungsextreme aushalten können

Für die erste Gruppe ist kein mentaler Spagat groß genug, der nicht ausgeführt werden könnte. Die Gesprächsartisten schaffen es problemlos gleichzeitig für und gegen dasselbe zu sein, oft ohne verstanden zu haben, um was es eigentlich geht. Wenn das mal keine physische Meisterleistung ist, zwischen zwei und gar mehr Standpunkten blitzschnell zu wechseln.  

Für die ‚einbetonierte‘ Gruppe würde jedes echte Zuhören, jede Regung, jedes Mitgehen ihr Gesamtbauwerk, die fixierte Position, zum Einsturz bringen und wird deswegen tunlichst vermieden. „Ich lasse mich doch nicht von deren schwindligen Fragen oder Argumenten aus der Fassung bringen!“ 

(© SolStock)

Was passiert, wenn Fragen auf eine mutige eigene Haltung treffen? 

Bei der Flut von täglichen (An-)Fragen, Themen und Kontroversen, die über alle möglichen Kanäle auf uns einströmen, hat doch kein Mensch mehr Zeit eine eigene Haltung dazu zu entwickeln? Oder vielleicht doch? 

Bodenständig und ehrlich sein

Nicht zu Allem brauchen wir eine Position zu beziehen. Doch manchmal schon! Hier gehen wir zurück zu Boris Büchlers Frage an Per nach dem Achtelfinale: „Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und anfällig gemacht?“ Kurz können wir Herrn Mertesacker zuschauen, wie er sich innerlich sortiert und dann entscheidet, dass er den unbequemen Weg gehen wird, indem er zurückfragt: „Haben wir denn gegen eine Karnevalstruppe gespielt?“ und in den weiteren Antworten selbstbewusst und klar die Leistung der Mannschaft verteidigt! 

Mir jedenfalls hat dieses ‚Gegenhalten‘ erst die Augen geöffnet, für den Druck, dem die Spieler 120 Minuten - es ging damals in die Verlängerung - standhalten mussten. 

Im aktuellen Spiegelinterview vom 10. März hat er sich wieder was getraut! Den eigenen desaströsen Druck, der auf ihm als Spieler seit Jahren lastet, offenzulegen. Wohin hat er ihn gelegt? Genau neben seine Begeisterung für den Sport!

Danke Per! Ich hoffe, dass Dein Beispiel Schule macht und mehr Leistungsträger auch im Business zum Thema ‚Umgang mit utopischen Erwartungen bzw. hohem Druck‘ gemeinsam ins Gespräch kommen und dabei eine eigene Haltung entwickeln!
- eine, die es ihnen ermöglicht durch das entsprechende, konsequente Verhalten, die Begeisterung für den eigenen Beruf langfristig aufrechtzuerhalten - 

Mit Grüßen aus dem Ring des Alltags

Peter Flühr

P.S.: Hier ein kurzer Nach- bzw. Beitrag zum Mertesacker-Interview von Jupp Heynckes am 17.3.2018 in der Welt! 

 

Bildnachweis Titelbild: © SolStock

Kommentare

  • jürgen 15. März. 2018, 8:55

    guten morgen peter, du triffst wieder mal ins schwarze ... nur das mit der pause seh ich anders!! ich denke wir sollten dran bleiben - wo sollte ich sonst meine Kommentare schreiben?? und der ist heute etwas länger!

    Ich muss, nein, ich möchte mich heute bei allen Wohlfühlmittelständlern, weichgespülten me2s und Mitläufern der digitalen Denunziation entschuldigen. Dafür, daß ich, und eben vielleicht ein Dutzend andere, Sachen immer noch schätzen, die schon etwas älter, vielleicht für viele überholt erscheinen, aber für einige wenige eben immer noch sehr wichtig sind –
    also für Dinge, dich ich mag.

    So wie Frauen, die wissen wie man auf Hiheels geht, deren Hüften noch rund sind und nicht eingefroren. Klar, sind die Schuhe nicht gesund, aber die sehen einfach gut aus, wenn man die Beine dazu hat. Und wenn nicht, zieht Frau halt 'nen langen Faltenrock an – aber den muss ich ja nicht gut finden.

    Ich finde Männer gut, die wissen wie man einen Ball wirft, 'nen Vergaser zerlegt oder 'ner Frau sagen können wie gut sie aussieht – vielleicht sogar im Faltenrock.

    Ich finde Männer gut, die einer Frau in den Mantel helfen oder ihr die Tür aufhalten. Und die Frauen, die das mit einem Lächeln quittieren, statt sich plump angemacht fühlen.

    Ich mag Jungs, die sich auch mal prügeln – aber mit Anstand und mit 'nem guten Grund. Nicht die Art von Männern, die danebenstehen und reintreten wenn einer am Boden liegt.

    Ich mag junge Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, aber nicht grundsätzlich und immer gegen die 'Gefahr Mann'.

    Ich finde Mütter gut, die sich um ihre Kinder kümmern und nicht nach sechs Monaten in 'ne Krippe stecken. Aber ich finde auch Männer gut, die für ihre Frauen so sorgen, daß ihnen sowas möglich ist.

    Ich mag auch Frauen, die im Job breite Schultern haben und an der Bar auch mal über 'nen schlechten Witz lachen können – vor allem wenn er direkt vor ihnen sitzt.

    Ich finde Handwerker gut, die in ihrem Blaumann 'ne bessere Figur machen, als die Luftbläser in ihren grauen Einheitseinreihern – egal ob Mann oder Frau.

    Ich mag Mädchen, die sich wehren – jetzt gleich und konkret! Nicht diejenigen, die sich nach 16 – 32 Jahren an ein Pokneiffen erinnern und in das ich-hatte-auch-mal-so-ein-erlebnis-boot reinspringen. Denn eigentlich sind sie nur traurig, daß jetzt keiner mehr auch nur ihren Arsch anschaut.
    Ich mag Jungs, die auch in Strumpfhosen gut aussehen und deren Mädels, die wissen wo der Wagenheber ist.

    Ich mag Exzentriker mehr als diese pseudointelligenten Podiumsdiskutierer mit Weicheimentalität. Frauen und Männer, die mal losschreien, die Dinge bewegen und lospoltern, 'ne eigene Meinung haben und natürlich auch mal zurückrudern müssen – aber etwas, sich selbst und andere Menschen bewegen.

    Ich mag Künstler, die etwas erfinden, gestalten, bauen, erdenken – nicht die, die gekünstelt andere aburteilen und ihren Verbalbrei als Kunst verkaufen.

    Ich mag Weiber, Fräuleins, Neger, Nutten, Schwuchteln, Schlitzaugen und so weiter – auch wenn sie heute nettere Namen haben. Aber ich mag sie nicht wenn sie mir sagen, dass ich sie mögen soll.

    Ja, und ich geb's zu – ich mag keine kleinen, dicken, kurzhaarigen, schwitzigen, mies-gelaunten, ständig die Welt verbessernden Stubenhockerinnen die Louboutin für 'ne neue Diät halten.

    Ich mag Sportler, Männer wie Frauen, weil sie sich im Wettkampf, face to face, stellen. Nicht wie Politiker, die sich gerne im Licht der Spiele sonnen, sich aber täglich mit 'wir sondieren' und 'wir versuchen' hinter verschlossenen Türen über Monate nutzlos in die nächste Olympiade retten.

    Ich mag Männer, die Wahrheit und Fairness ebenso leben wie ich Frauen schätze, die Freiheit und Loyalität nicht als unvereinbar sehen.

    Ich mag meine Gene, weil die so herrlich archaisch sind. Ich esse, wenn ich Hunger habe. Ich trinke, wenn mir danach ist. Und ich hau zurück, wenn mir jemand was böses will.

    Ich mag Männer, die in Cafés sitzen und die flanierenden Mädels bei ihrer 'Show' bewundern. Und ich mag die (jungen) Frauen, die ein Kompliment als Geschenk und nicht als 'Machtausübung' sehen.

    Ich setz mich im nächsten Frühjahr selbst wieder rein ins Café … hin und wieder rutscht mir dann sogar ein 'Wow', ein leiser Pfiff über die Lippen. Und auch das mag ich.

    Und deshalb entschuldige ich mich.
    Weil ich eben nicht alle mag.
    Sorry.

  • Steffi 15. März. 2018, 9:21

    Danke Peter für diesen Blogeintrag! Das ist gerade auch meine Baustelle.
    Es ist spannend zu sehen, was passiert, wenn man den Druck neben die Begeisterung (offen)legt. Dadurch entsteht beim Gegenüber und bei einem selbst ein ganz neues Verständnis und im 1:1 teilweise eine ganz andere Beziehungs- und Vertrauensebene. Weil man sich öffnet und teilweise auch nahbar (und somit menschlich) macht. Danke für Deine wertvollen Nachdenk-Impulse!

  • Peter Flühr 17. März. 2018, 9:29

    Hier ein, wie ich finde, interessanter Nachtrag von Jupp Heynckes in der Welt!
    https://www.welt.de/regionales/bayern/article174629991/Heynckes-sieht-Clubs-nach-Mertesacker-Aussagen-gefordert.html

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Peter Flühr

Hallo,

ich bin Peter Flühr, seit mehr als 20 Jahren Coach und Trainer.

Viele Fach- und Führungskräfte erleben ihren beruflichen Alltag vor allem als Kampf.

In meinen Seminaren und Trainings zeige ich, wie man jeden Tag aufs Neue in diesem Ring besteht – mit einer Kombination aus mentalen Methoden und gezielter Bewegung.

In meinem Blog greife ich Themen auf, die viele aus ihrem Alltag kennen und gebe einfache Tipps, wie sie sich verbessern oder lösen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!