23. November 2017 – Persönlichkeit »Der Blog aus dem Ring« Unsere Sehnsucht nach Echtheit

 

Auf dem Weg zur Arbeit hörte ich am 15. November einen kurzen Beitrag im Deutschlandfunk von der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie. Sie plädierte darin für eine klarere Trennung zwischen Realität und Fiktion. Sie wünschte sich einen bewussteren Umgang mit dem Geschichtenerzählen.

Alltägliches Phänomen - 'Fake News'

Sie sehe mit Sorge, dass überall derjenige gewinne, der die beste Geschichte erzähle. "Da wird es natürlich brisant", sagte Dörrie. "Wenn es nur noch darum geht, die bessere Geschichte zu erfinden, dann sind wir ziemlich am Ende."

Der Megatrend: Sich und sein Leben neu erfinden

Warum mich diese Aussage so angesprochen hat, wurde mir erst einige Tage später klar. Ich selbst und viele Menschen in meinem beruflichen Umfeld spüren aufgrund des politischen und technologischen Wandels den Druck, sich in ihrem Job gänzlich neu erfinden zu müssen.

Von der Rarität zur Normalität 

Als ein Indikator für diese Entwicklung fällt mir immer wieder auf, dass das ‚Storytelling‘ als überstrapazierte Kommunikationsstrategie herhalten muss. Nichts scheint mehr zu gehen, ohne dass wir mit anderen Menschen eine noch prickelndere Geschichte teilen, eine, die am besten mit vermeintlich authentischen Bildern garniert wird.

Paul Watzlawiks Satz ist so brisant wie nie zuvor

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Seine vierzig Jahre alte Frage ist im multimedialen Zeitalter so brisant wie nie zuvor. „Wir bewegen uns in einem Paradox“, meinte Doris Dörrie auf dem Münchener Literaturfest. „Unsere Realität wird zunehmend fiktionalisiert, und gleichzeitig sehnen wir uns immer mehr nach dem Wahren, Echten.

Ganz schlimm wird es, wenn Menschen dazu gedrängt werden

Menschen, die vorher recht still einfach ihre Arbeit gemacht oder eben über Projekte berichtet haben, sollen jetzt plötzlich fesselnde ‚Stories‘ in Meetings, auf Facebook, instagram oder wo auch immer im Dienste des Unternehmens ‚teilen‘.

Fremdschämen inklusive 

Wenn Sie selbst mal bei einer solchen überambitionierten Erzählveranstaltung dabei waren, werden Sie das beklemmende Gefühl kennen, von dem ich hier schreibe. Zum einen werden wir von deren Anzahl erschlagen und zum anderen bleibt die Realität dabei gerne auf der Strecke.

Ich habe nichts gegen bodenständige persönliche Geschichten, ganz im Gegenteil! Eine solche durfte ich genau zwei Tage nach dem obengenannten Radiobeitrag bei einer beruflichen Veranstaltung live erleben. Doch habe ich etwas gegen das verkrampfte ‚Bauen‘ von spannenden Geschäftsgeschichten um jeden Preis. 

Schlichte Bewegungen tun so gut

Vielleicht bin ich deswegen in den letzten Jahren ein noch leidenschaftlicherer Vertreter der einfachen und alltäglichen ‚Bewegungstaten‘ geworden, weil diese regelmäßigen Aktivitäten, sei es Spazierengehen, Qigong oder Fahrradfahren mich mit der absolut zuverlässigen Naturkonstante, der Schwerkraft, auf so wirksame Weise verbünden.

Die Gravitation macht's! 

Ich wünsche Ihnen jedenfalls viele erfrischende Bewegungserlebnisse im Schwerefeld der Erde. Die gute Nachricht - sie ist zwar still und doch immer für uns da!  

Mit Grüßen aus dem Ring des Alltags

Peter Flühr

Bildnachweis Titelbild: © AleksandarNakic

Kommentare

  • Anna 23. November. 2017, 16:18

    Peter, Du sprichst mir aus der Seele:) Glaubwürdigkeit hat mit Würde zu tun...

  • Petra 23. November. 2017, 17:27

    Die Erkenntnis oder Bekenntnis zu den einfachen und schlichten Bewegungen finde ich richtig gut!

  • jürgen 23. November. 2017, 17:29

    lieber peter, wie immer auf den Punkt gebracht!!
    ich denke dabei auch noch an die menschen, die die 'Geschichten' der anderen gar nicht bis zum ende hören, sondern schon beim dritten Satz des Erzählers dieses 'das hab ich auch schon mal erlebt, aber viel, viel .... blablabla ... mehr.'
    und die anderen, die eigentlich gar keine Geschichten haben und sich dann in endlosen Verästelungen und unsäglichen Verklausulierungen verlieren.
    ich freue mich immer, wenn wir stumm auf 'unserer' Bank sitzen und dabei unseren Geschichten lauschen .... so wie ich den Geschichten meiner Kinder vom Pausenhof zuhöre - das ist echt!
    gute nacht.

  • Peter 23. November. 2017, 18:03

    Boa, das ist ja mal ein Kompliment! Bis bald wieder auf unserer Bank.
    Danke Jürgen

  • Bettina 24. November. 2017, 10:19

    Mit dem Storytelling ists genauso wie mit sovielen anderen Moden: Als Haltung und Idee verstanden, funktionierts - als reine Technik angewandt, wirds schnell übertrieben und hohl. Und die Dosis macht das Gift.

    Coole Powerpoints mit kaum Text und gutem Bild - super. 80 langweilige Folien mit Textwüste - gruselig! Geschickt gestreutes, persönliches und emotionales Storytelling mit guter Botschaft - wunderbar! 08/15 Storys, runtergenudelt - laaaangweilig.

    Ich bin ein Riesenfan von gutem Storytelling, das berührt, bewegt, verbindet und zum Nachdenken anregt. Gottlob gibt es viel davon, z.B. immer wieder viel bei den TEDx Talks.

    Herzlichst, Bettina, leidenschaftliche Geschichtenerzählerin

  • Sandra 25. November. 2017, 23:02

    In unserer immer komplexer und komplizierter werdenden Welt sehnen sich doch viele wieder nach den einfachen Dingen, nach Natürlichkeit und einfach sein können, ohne permanent eine Rolle spielen zu müssen. Schön, dass immer mehr Menschen das erkennen.

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Peter Flühr

Hallo,

ich bin Peter Flühr, seit mehr als 20 Jahren Coach und Trainer.

Viele Fach- und Führungskräfte erleben ihren beruflichen Alltag vor allem als Kampf.

In meinen Seminaren und Trainings zeige ich, wie man jeden Tag aufs Neue in diesem Ring besteht – mit einer Kombination aus mentalen Methoden und gezielter Bewegung.

In meinem Blog greife ich Themen auf, die viele aus ihrem Alltag kennen und gebe einfache Tipps, wie sie sich verbessern oder lösen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!