11. Juni 2018 – Qualifizierung von Führungskräften »Der Blog aus dem Ring« Schmerzlos zu sein, ist gefährlich

 

Meggie Zahneis kann keine Schmerzen empfinden. Ihr Leben ist schmerzlos aber nicht schmerzfrei. Was zunächst einmal für viele Führungskräfte wie ein Segen klingt, entpuppt sich in der Praxis schnell als lebensgefährlich. In dem Buch von Michaela Haas „Stark wie ein Phönix“ wurde ich vor einigen Jahren auf die Geschichte der jungen Meggie aufmerksam, die u.a. mit ihrem Fuß in einen Nagel stieg, der diesen durchbohrte, es jedoch aufgrund ihrer Erkrankung nicht bemerkte und daraufhin fast verblutet wäre. 

Trügerische, himmlische Ruhe 

Wir Menschen wünschen uns gerade in sehr turbulenten Zeiten diese Schmerzfreiheit, einen Zustand, in dem wir unangenehme Warnsignale, die uns quälen, nicht mehr wahrnehmen müssen. Was wir uns in unserer Fantasie als einen Zustand der himmlischen Ruhe ausmalen, stellt sich jedoch im echten Leben langfristig als äußerst schwierig dar! 

Wer die vier mühsamen Lernstadien komplett meidet, der leidet dann erst richtig!  

Jeder Mensch, der etwas lernt, hat Schmerzen. Ohne diese Sinneswahrnehmung stellt sich auch kein Erfolg ein. Warum? Weil Lernen immer bedeutet, erst einmal zu merken, dass wir etwas für uns Wichtiges nicht können. Zum Beispiel klar und auf Augenhöhe ein Konfliktgespräch mit einem Mitarbeiter führen.

Albert Bandura und sein Team haben schon 1963 für das menschliche Lernen folgendes vierstufige Modell entwickelt: Solange uns das spezielle Unvermögen noch nicht bewusst ist (Phase 1 – unbewusste Inkompetenz), verspüren wir auch keinen Leidensdruck. Zugegebenermaßen ein attraktiver Zustand. Bis zu diesem Zeitpunkt sind wir uns sicher, unseren Mitarbeitern mangelt es an Kritikfähigkeit. Dass wir selbst ein Teil des Problems sind, dämmert uns hier noch nicht. 

Im Standby-Modus an der persönlichen Reifung vorbei 

Wenn uns dann aber im beruflichen Alltag durch einen glücklichen Zufall klar wird, dass wir nicht in der Lage sind, ein solches Gespräch zu führen, dann erreichen wir die zweite Stufe in Albert Banduras Lernphasenmodell, das Stadium der bewussten Inkompetenz. Jetzt merken wir, dass uns eine entscheidende kommunikative Fähigkeit fehlt und das tut natürlich erstmal weh. Um diesem Schmerz erst gar nicht zu begegnen, wählen nun viele Menschen die Lern-Standby-Strategie. Ganz nach dem Motto: „Ich bin gut imprägniert und lasse nichts an mich heran!“ Die persönliche Entwicklung schläfert diese Herangehensweise natürlich ein. 

(© mvp64)

In Trainings und Coachings sollten wir genau diesen Schmerz suchen

Besuche ich selbst, Peter Flühr, bei einem Anbieter meines Vertrauens ein Training, würde ich auch gerne ‚gewaschen‘ werden, also etwas dazulernen, ohne dabei ‚nass‘ zu werden – allerdings am besten schmerzlos. Auch ich muss mich deshalb in der Teilnehmerrolle jedes Mal überwinden, mehr von mir zur Verfügung zu stellen als den Satz: „Ich bin offen für alles!“ und dann hoffnungsvoll als Seminarbeobachter bei den mutigen Lernexperimenten der anderen Teilnehmer passiv ‚mit zu surfen‘!

Denn diese mutlose Passivität kommt uns und das Unternehmen teuer zu stehen

Klar, dieser Weg von der eigenen Ahnungslosigkeit (1), über das klare Defizitbewusstsein (2), hin zum Erwerben einer bewussten Kompetenz (3), bis zur selbstverständlichen und anstrengungsfreien neuen Fähigkeit (4) ist kein gemütlicher Spaziergang, sondern ein langer und teils schmerzhafter Pfad, der sich jedoch für alle Beteiligten lohnt.

Bitte aufwachen!

Sollten Sie sich also selbst mal wieder im Ring des Alltags wünschen, vollkommen ‚gechillt‘ auf einer tiefenentspannten Welle die Zumutungen des Lebens zu bewältigen, vergessen Sie ab und zu diesen süßen Traum und geben Sie sich fokussiert den Schmerzen als wertvollen Informationsgebern hin. 

Mit Grüßen aus dem Ring des Alltags 

Peter Flühr 

Bildnachweis Titelbild: © mvp64

Kommentare

  • Elisabeth Flögel 12. Juni. 2018, 17:17

    Hallo Peter,
    welch wahre Worte, aber leider in der heutigen Zeit völlig "uncool" !
    Sich mit anderen Menschen auseinander zu setzen und auf diese einzugehen das findet nur noch selten Anklang, schon gar nicht wenn diese eine Problem haben.
    Meine Großmutter sagte immer, neugierig bleiben und lernen wollen, das hält jung.
    In diesem Sinne, mache weiter mit Deinem Blog, er ist immer sehr interessant.
    Liebe Grüße
    Elisabeth

  • Brita Bielke 14. Juni. 2018, 10:20

    Lieber Peter,
    wieder eine Inspiration von Dir. Danke dafür! Ich finde den Begriff "unbewusste Inkompetenz" von Bandura geradezu genial. Es hat für mich eine humorvolle Komponente und das würde uns allen gut tun.....

    In diesem Sinne
    herzlich
    brita

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Peter Flühr

Hallo,

ich bin Peter Flühr, seit mehr als 20 Jahren Coach und Trainer.

Viele Fach- und Führungskräfte erleben ihren beruflichen Alltag vor allem als Kampf.

In meinen Seminaren und Trainings zeige ich, wie man jeden Tag aufs Neue in diesem Ring besteht – mit einer Kombination aus mentalen Methoden und gezielter Bewegung.

In meinem Blog greife ich Themen auf, die viele aus ihrem Alltag kennen und gebe einfache Tipps, wie sie sich verbessern oder lösen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!